Freddy Grossniklaus

Interview

Wo und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin in einem Bergdorf in Beatenberg aufgewachsen. In einem kleinen Zimmer mit viel Platz draussen zum Spielen, und um nass und dreckig zu werden. Oftmals haben wir den Grosseltern geholfen, den Hasenstall sauber zu halten, Pilze oder Beeren zu sammeln, Gartenarbeiten zu erledigen oder zu holzen. Da es früher noch nicht so gute Kleidung wie heute gab, war dies oftmals eine nasse Angelegenheit. Wir lernten jedoch wirklich viel. Später hat uns unser Vater auch auf längere Touren mitgenommen, um Bergkristalle zu suchen. Dieses Fieber hat mich gepackt und bis heute ist es mein Hobby geblieben. Die Kristalle stehen auch zu Hause überall herum. 

 

Warum wurdest du Bergführer?

Ich bin nun seit dreissig Jahren Bergführer. An diesem Job hat mich die Selbstständigkeit gereizt. Du bist dein eigener Chef und musst nicht von 07.00-18.00 Uhr irgendwo auf dem Dach deinen Hammer anstarren. Du bist draussen in dieser atemberaubenden Umgebung und kannst dich mit deinen Gästen und ihren Geschichten befassen, ihnen etwas beibringen, Erfahrungen austauschen und du weisst am Abend weshalb du müde bist. Ein weiteres Plus: Ich bin mit meinen 58 Jahren immer noch fit und gesund und muss nicht am Abend noch ins Fitness.

 

Jetzt machst du ja bereits Sport in deinem Beruf, was begeistert dich denn in deiner Freizeit?

Naja, auch Sport. Beispielsweise Sportklettern, Skitouren und Fahrradfahren. Bergkristalle suchen ist ja auch ein Hobby, da muss ich teilweise 8-9 Stunden laufen und wenn ich Glück habe, trage ich einen 50 kg schweren Rucksack zurück. 😉

 

Hast du einen Tipp für Personen, die im Bergsport einsteigen möchten?

Eine gute Grundausbildung ist wichtig. Der Grundkurs Bergsteigen vermittelt die Grundpfeiler wie Knotenlehre, mit Steigeisen oder am Seil zu gehen und die korrekte Nutzung des Pickels. Danach ist es wichtig, seine Ziele nicht gleich zu hoch zu stecken. So können brenzlige Situationen vermieden, oder mit einer passenden Lösung behoben werden. Mir liegt dies am Herzen, denn als unerfahrener Junge hatte ich in solchen Momenten einfach Glück überlebt zu haben. Meine Gäste sollen eine stufengerechte Ausbildung absolvieren, um genau solche Situationen zu vermeiden.

 

Was ist das eindrücklichste Erlebnis, das du hattest?

Dies war vor drei Jahren, als wir auf dem Weg in die Berghütte “Margherita” auf 4500 M.ü.M. waren. Wir hatten die Hütte mit dem Kompass suchen müssen, weil eine Kaltfront und damit ein heftiger Sturm gekommen ist und wir nichts mehr sehen konnten. Um zehn Uhr Abends beschlossen wir zu Bett zu gehen, hörten jedoch aus den offenen Fenstern einen Hilfeschrei. Zu dritt und in voller Montur inkl. Skibrille und Steigeisen beschlossen wir, dem Hilferuf zu folgen. Nach einer halben Stunde sahen wir plötzlich fünf Personen am Boden sitzen. Alle waren perfekt ausgerüstet für den Trip. Der Sturm kam jedoch schneller und heftiger als erwartet, alle waren zu erschöpft, um weiter zu gehen und konnten die Rega nicht erreichen. Wir gaben ihnen Tee und Biskuits und führten sie einzeln zurück zur Hütte. Eine Frau aus der Gruppe fiel mir am Schluss um den Hals und sagte: “Du hast mir mein Leben gerettet!” Wären sie über Nacht draussen geblieben, hätten sie keine Chance gehabt zu überleben.

 

Was war deine beängstigendste Situation, die du je erlebt hast?

Eine schlimme Situation hatte ich am Mittelhorn. Ein Gast und ich waren bereits seit einiger Zeit unterwegs. An einer steilen Stellen sicherte ich die Dame, damit sie weiter absteigen konnte. Unten angekommen, dachte sie, sie sei schon fast im flachen Gelände, lief los, kam ins Rutschen und verlor ihren Pickel. Als ich die brenzlige Situation begriff, schlug ich meinen Pickel und die Spitzen meiner Steigeisen in den Schnee. Glücklicherweise konnte ich sie halten. Ich wäre nicht gestorben, aber 50 Meter mit Pickel und Steigeisen an einer steilen Felswand herunter zu rutschen, ist für den Körper nicht angenehm. Ein knapper beinahe Unfall, nur wegen eines Missverständnisses. 

 

Eine andere Situation hatte ich mit einem Kanadier, der mit mir zusammen Eiger, Matterhorn und Mont Blanc in fünf Tagen besteigen wollte. Bevor es losging, habe ich mich per Mail und Telefon nach seinen Kenntnissen erkundigt. Gemäss seinen Antworten war er bestens vorbereitet. Tiptop, dachte ich und traf mich mit ihm auf der Kleinen Scheidegg. Er wartete in Adidashosen, Turnschuhen und einem riesigen Rucksack auf mich. Als erstes haben wir alles unnötige Material aus seinem Rucksack unterwegs deponiert und starteten die Tour. Bei einem grossen Gletscherspalt angekommen, erklärte ich ihm, dass er kurz warten müsse, worauf er einfach weiterging und direkt vor der Spalte ins stolpern kam. Er stürzte Kopf voran hinunter. Ich musste alle meine Kraft mobilisieren, um ihn unter grossen Schmerzen festhalten zu können. Ich wusste, wenn er stürzt, stürze ich auch. Und das hätten wir beide nicht überlebt. Denn dort findet dich niemand und Empfang gibt es auch nicht. An diesem Tag brauchte ich ein gut gefülltes Glas Schnaps und konnte danach vier Tage nicht mehr in die Berge.

 

Nun eine ganz andere Frage:
Hast du schon mal jemand Berühmtes auf deinen Touren getroffen?

Schon einige. Beispielsweise Adolf Ogi beim Bergsteigen, Daniel Craig beim Filmdreh auf dem Gletscher vom Film “Golden Compass” oder Michael Jordan beim Pinkeln. 😉

 

Was findest du speziell an den Schweizer Alpen?

Es gibt alles, was es braucht zum Bergsteigen, Klettern oder für Skitouren.

Auch die Hütten sind gut erschlossen. Innert kürzester Zeit kannst du von einem Ausgangspunkt schwere Touren machen. In Amerika beispielsweise musst du Essen und Zelt selbst mitschleppen.

 

Warst du schon in anderen Ländern auf Berggipfeln?
In Amerika war ich beispielsweise in Alaska, Colorado oder den Kaskaden unterwegs. Aber auch in Neuseeland, Afrika und Europa habe ich schon viele Berge bestiegen. 

 

Was war deine längste Zeit, die du ohne Dusche verbracht hast?

24 Tage in Alaska als wir in einer Eiswüste im Expeditionsstil bei minus 45 Grad auf dem Gletscher unterwegs waren. Die Zeit verbrachten wir in Zelten, die alle drei Stunden vom Schnee befreit werden mussten. Und wenn wir weiter gingen, taten wir dies so langsam, dass wir nicht ins Schwitzen kamen, um keine Erfrierungen zu erleiden.

 

Was ist dein Plan für die nächsten paar Jahre?

Bis zur Pension möchte ich alle 4000er Berge geführt haben. Dazu fehlen mir noch das Täschhorn, Gombin, Rimpfischhorn und Lendspitz. Sobald ich pensioniert bin, möchte ich aber immer noch die besten Touren - wie beispielsweise die Aletschgletscherwanderung - führen. Unsere älteren Bergführer leisten auch mit 70 Jahren noch super Arbeit, das will ich auch.

 

Danke für deine Zeit, was machst du jetzt noch?

Jetzt nehme ich erst mal noch einen Kaffee.

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